Liebe Ines, freut mich sehr, dass wir sprechen! Zum einen geht es um sehr aktuelle Themen (KI & geistiges Eigentum), zum anderen darum, das Patentamt mehr in die kreative Community einzuführen: viele haben eure tollen Services gar nicht am Schirm! Das werden wir jetzt ändern 😉 Steigen wir gleich direkt ein: Was ist eigentlich das Patentamt, für was brauche ich es und was bekomme ich da als Kreative:r?
„Eine gute Idee kann jede und jeder haben, nicht nur Lise Meitner oder Dietrich Mateschitz.“
Wie genau ist der Prozess bei euch? Ab wann entstehen Kosten?
„Start-ups, die ihr geistiges Eigentum schützen haben lassen, haben 10 Mal so große Chancen, sich Kapital zu beschaffen.“
Was ist für dich eine Marke und warum ist es wichtig, diese zu schützen?
Siehst du Österreich als innovativ? Und was wären Maßnahmen, das mehr zu fördern? Woran hapert es deiner Meinung nach?
Österreich ist enorm innovationskräftig, das zeigen sämtliche Rankings! Wir sind echt stark im Bereich der Zukunftstechnologien (Robotik, KI, 3D-Druck) oder auch – jüngsten Auswertungen zufolge – bei Technologien in der Krebsbekämpfung sowie im Bereich grüner Technologien, hier liegen wir EU-weit an 6. Stelle. Also bitte stellen wir unser Licht nicht unter den Scheffel! Im European Innovation Scoreboard 2023 führen wir die Gruppe der sogenannten Strong Innovators an und im Global Innovation Index haben wir bei den Indikatoren, die den Innovationsoutput abbilden, ganz aktuell den Sprung von Platz 21 auf Platz 15 weltweit (!) gemacht. Hängt halt auch damit zusammen, dass Österreich hohe Summen in F&E (Forschung und Entwicklung) investiert.
Woran es hapert? Während größere Unternehmen durchaus um den Wert und die Wichtigkeit ihres geistigen Eigentums Bescheid wissen, ist dieses Bewusstsein bei jungen Unternehmen, bei innovativen Start-ups und kleinen Firmen noch nicht ganz ausgeprägt. Dabei zeigt eine aktuelle Studie, dass Start-ups, die ihr geistiges Eigentum schützen haben lassen, 10 Mal so große Chancen, sich Kapital zu beschaffen. Und auch die Kreativszene hat uns viel zu wenig am Schirm. Ich glaube, die sehen uns – wenn überhaupt – als lästigen Klotz am Bein, wo man halt hin sollte, wenn man gründet. Als Spielverderber, der die beste Idee, die man gerade dem Kunden bzw. der Kundin pitchen wollte, kaputt macht. Vielleicht haben wir da ein Imageproblem. Ich kann nicht abstreiten, dass das Patentamt nicht immer so cool und Kund:innen-freundlich war wie jetzt, aber das hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Wir kommunizieren nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Unsere wichtigste Zielgruppe sind junge und/oder kleine Unternehmen – sie haben wir vor Augen, wenn wir laufend neue Serviceangebote kreieren.
„Generell wäre die Welt eine bessere, wenn diese patriarchalen, männlich dominierten Strukturen nicht wären, davon bin ich überzeugt.“
Ihr habt ja auch ein spezielles Mentoringprogramm für Frauen. Wie genau funktioniert das?
Das ist ein super emotionales Thema für mich, da möchte ich ein bisschen ausholen. Österreich ist bei Patentanmeldungen durch Frauen das Europa-Schlusslicht von 38 Ländern. Wir haben uns mittels einer qualitativen Umfrage ganz genau die Hintergründe für diese miserable Erfinderinnen-Quote angeschaut und es ist beschämend: Der niedrige Frauenanteil geht zu einem gewichtigen Teil auf traditionelle Geschlechterrollen und das konservative Frauenbild, die Reduzierung von Frauen in Teams auf administrativ-koordinativ-organisatorische Aufgaben und viele andere Formen von struktureller Chancenungleichheit zurück. Die Kapitalbeschaffung ist für von Frauen geführte Unternehmen ungleich schwieriger, sie bekommen seltener Kredite und um durchschnittlich 23% weniger Mittel als von Männern geführte Start-ups. Oder die lückenhafte Kinderbetreuung und ungleich verteilte Care-Arbeit: Patente werden meistens im Alter zwischen 25 und 35 Jahren angemeldet und oft werden auch in dieser Lebensspanne EPU gegründet. Wenn ich also in dem Alter als Frau ein kleines Kind habe und im Job ein chemisches Experiment am Laufen habe oder mitten in einem Kreativprozess bin, aber um Punkt 15:00 aufstehen und gehen muss, weil der Kindergarten oder Hort schließt, bedeutet das Einschnitte. Die Folge: ab einem gewissen Zeitpunkt im Entwicklungsprozess werden Frauen unsichtbar gemacht, Männer reklamieren die Innovation für sich und als Erfinder genannt wird der männliche Forschungsleiter. Das macht mich so wütend. Und als Tüpfelchen auf dem i werden Erfindungen von Frauen oft belächelt. Beispiel: Wasserfeste Wimperntusche, von einer Wiener Opernsängerin erfunden, heute verdienen Kosmetikkonzerne Millionen damit. Oder Erfindungen werden als “zu weiblich” abgewertet und kaum vermarktet. Beispiel: Elektroautos gibt es seit Anfang des 20. Jahrhunderts, wurden aber als “Frauenautos” abgetan, weil sie so leise waren, und zugunsten des männlich-lauten Verbrennungsmotors verdrängt. Wir hätten viele CO2-Emissionen einsparen können und die Entwicklung neuer Speichertechnologien wäre bereits viel weiter vorangeschritten. Oder: Rollkoffer – früher abgewertet à la “starke Männer tragen ihren Koffer”, heute schiebt jede:r seinen Trolley durch Bahnhof und Flughafen. Generell wäre die Welt eine bessere, wenn diese patriarchalen, männlich dominierten Strukturen nicht wären, davon bin ich überzeugt.
Aber ich schweife ab. Jedenfalls wollen wir in unserem Bereich diesem katastrophalen Gender-Gap mit einem gezielten Maßnahmenpaket entgegenwirken, etwa durch spezifische Weiterbildungsangebote für Frauen oder dem Mentorinnenprogramm “Buddy for her”, wo innovativen, kreativen Frauen eine Expertin seitens des Patentamtes zur Seite gestellt wird, die auf Wunsch durch den Entwicklungsprozess begleitet – natürlich kostenlos.
Wie siehst du die ganze Entwicklung mit KI, dass es gefühlt aktuell kein Urheberrecht mehr gibt und sämtliche Bild- und Textdaten frei verwendet werden von den KI-Unternehmen bzw. deren Tools? Das kann/darf ja eigentlich nicht sein…
Vielen Dank für das tolle Gespräch!
Hier die Kontaktdaten des Patentamtes:
www.patentamt.at
https://www.patentamt.at/ip-academy