Lieber Christian, die Resonanz auf deine Kolumne war ja riesig und sehr positiv (hier nochmal zum Nachlesen), da würde ich gerne nochmal tiefer in das Thema “Generationen” und “Zukunft der Agenturen” einsteigen. Der Vorwurf, “die jungen Menschen würden nichts mehr arbeiten wollen”, ist gefühlt so alt wie die Menschheit selbst. Es gibt sogar Aufzeichnungen aus dem alten Rom, wo eben dieses festgehalten wurde. Woher kommt das deiner Meinung nach?
Das stimmt. Was können deiner Meinung nach die “Alten” von den “Jungen” lernen, und vice versa?
Die Jungen von den Alten: Mit wenig Energie viel erreichen.
Die Alten von den Jungen: Sich mit ganzer Kraft für eine Sache begeistern.
„Die jungen Leute leben in derselben Welt wie ich. Und wie es aussieht, kann es für uns alle nur ein einziges Ziel geben: Die Erde als Lebensraum zu erhalten und gleiche Chancen für möglichst viele zu schaffen, unabhängig von Wohnort, Herkunft, Alter und Geschlecht.“
Die nachkommende Generation setzt ihre Schwerpunkte ja ganz anders, hat andere Werte und Vorstellungen. Wurden ja auch in eine ganz andere Welt geboren als du und ich. Klimawandel, Krieg in Europa, unfassbar schnelle technologische Entwicklung, Social Media…wie geht man damit um? Auch als Arbeitgeber?
Als Arbeitgeber? Ich beantworte die Frage zuerst aus meiner Perspektive als Mitmensch: Die jungen Leute leben in derselben Welt wie ich. Und wie es aussieht, kann es für uns alle nur ein einziges Ziel geben: Die Erde als Lebensraum zu erhalten und gleiche Chancen für möglichst viele zu schaffen, unabhängig von Wohnort, Herkunft, Alter und Geschlecht. Der Rest sind nur Details – und Technologie ist nur ein Werkzeug.
Als Arbeitgeber oder auch als Unternehmer bedeutet es, dass Sinn genauso wichtig ist wie Umsatz oder Profit: Für wen arbeiten wir und für wen nicht? Was sind die Auswirkungen unseres Tuns und können wir uns am nächsten Tag noch in den Spiegel schauen, wenn wir den neuen, lukrativen Auftrag annehmen? Wer sich solchen Fragen stellt, wird gute Arbeitskräfte anziehen, ohne dass er Kopfstände aufführen muss oder extravagante Weihnachtsfeiern veranstalten.
Absolut, da bin ich ganz bei dir. Wir leben im Sog-Zeitalter quasi 😉 Wie siehst du die aktuelle Situation in der Branche? Wo gehts deiner Meinung nach hin?
Das Gefühl hab’ ich auch.
Viele Agenturen haben ihr Geschäftsmodell ja in den letzten Jahren (Jahrzehnten?) sehr in Richtung “Umsetzung” verlagert, doch da (und natürlich nicht nur da) wird die KI ziemlich viel verändern. Oder besser gesagt Menschen, die die KI nutzen. Wo siehst du die Risiken, aber vor allem auch die Chancen von KI?
Was ist “Kreativität” für dich? Und welchen Wert hat das kreative Denken aus deiner Sicht, auch und gerade in Bezug auf die technologische Entwicklung?
„Der wichtigste Erfolgsfaktor der Agentur ist ihre Kultur. Und Kultur lässt sich weder irgendwie lernen, produzieren oder neu Denken – sondern nur als Team leben. Genau das macht eine Agentur kostbar oder eben nicht.“
Wie sieht für dich in diesem Kontext die Agentur der Zukunft aus? Was ist generell noch eine “Agentur”, oder müssen wir auch das neu Denken?
Für mich ist eine Agentur der Ort, wo Menschen gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft entwickeln. Der wichtigste Erfolgsfaktor der Agentur ist ihre Kultur. Und Kultur lässt sich weder irgendwie lernen, produzieren oder neu Denken – sondern nur als Team leben. Genau das macht eine Agentur kostbar oder eben nicht.
Als ich in der Werbung begonnen habe, vor über 20 Jahren, waren meine ersten Helden KesselsKramer. Die Arbeiten haben mich einfach umgehaut. Vor ein paar Tagen schickte mir eine junge Mitarbeiterin, sie ist gerade 24 Jahre alt, einen Link mit einer »total coolen neuen Agentur aus Amsterdam«, die ich mir unbedingt anschauen müsse. Habe ich getan und festgestellt, dass mich die Arbeiten von KesselsKramer immer noch umhauen. Seit über zwei Jahrzehnten die »total coole, neue Agentur aus Amsterdam« sein: So sieht die Agentur der Zukunft aus.
Sehr geil! Aber deine Agentur gibts ja auch schon recht lange, ihr feiert ja dieses Jahr 20 jähriges Agenturjubiläum. Wenn du so zurück blickst, worauf bist du besonders stolz?
- Dass einige ehemalige PraktikantInnen und MitarbeiterInnen bei uns angefangen haben, und an den ersten Adressen von Design und Werbung Karriere gemacht haben; dass wir mit einigen immer noch befreundet sind.
- Dass wir immer noch für KundInnen der ersten Stunde arbeiten – seit 20 Jahren.
Darauf kann man wirklich stolz sein. Was mich noch interessieren würde: welchen Wert schaffen deiner Meinung nach Kreative für Unternehmen, den andere nicht schaffen?
Und zum Abschluss noch die große Streitfrage im Agenturgeschäft: das Pitchen. Du meintest ja in unserem Vorgespräch, dass du das ziemlich unsinnig findest. Kannst du noch kurz erklären warum?
Weil ein oberflächlicher Prozess nur zu oberflächlichen Lösungen führt. Pitchen produziert viele Verlierer, und der vermeintliche Gewinner kommt meistens auch schnell darauf, dass er in diesem Prozess viel Geld liegen gelassen hat, dass er kaum innerhalb von zwei bis drei Jahren wieder verdienen wird.
Der größte Verlierer in Pitches sind immer die Kunden: Sie drehen sich im Kreis, statt in die richtige Richtung zu marschieren.
Eigentlich ist pitchen nicht nur unsinnig, sondern verrückt.