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Good At Kolumne: Alissia Passia

In Deutschland wird konstant über ein höheres Renteneintrittsalter debattiert und auch Österreich zieht nach. Bis dahin heißt es malochen, bis wortwörtlich der Arzt kommt. Aber wo langfristig arbeiten, wenn überall Diversity gepriesen, aber bei der Altersfrage ausgelassen wird? Passia macht sich ein paar Gedanken.
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„Wo langfristig arbeiten, wenn überall Diversity gepriesen, aber bei der Altersfrage ausgelassen wird?“

Age Diversity: Eine Frage der Unehrlichkeit. Zwischen Alltagsschizophrenie, Verfallsdatum und guten Vorsätzen

„Das ist Michael, der ist schon fast 50. Den musst du bisschen mitziehen, der muss hipper werden.“, eine Anweisung, die ich vor Jahren quasi zum Onboarding mitbekam. Der firmentreue Kollege stach aus der Masse der im Schnitt 30-Jährigen heraus, wie eine Glasscherbe im Altpapier. Man solle nett mit ihm sein, aber sanft ummodeln, er müsse schließlich auch mit den Trends mitgehen, denen er sich so sehr verweigere. Michaels wie diesen findet man mittlerweile nur noch selten. Auch wenn das Wort Diversity in beinahe jeder Stellenanzeige vertreten ist, trifft diese Gleichberechtigung nicht auf die Altersklassen zu. So begegnet man in Unternehmen primär Zoomern und Spätmillenials, die als angepriesene Digital Natives den Expertenstatus wahren oder mindestens auf Gruppenbildern hip aussehen. Auf Erfahrungswerte, die sich mit den Berufsjahren summieren, wird nur noch selten gebaut, schließlich zählt in Unternehmen das Gemüse-Prinzip: frisch, jung, knackig. Eine Win-win-Situation: Umgeben sich Kunden nicht erst seit gestern auch lieber mit jungem Blut, und nicht jenen, die genauso viele graue Haare zählen, wie sie selbst.

Die faule Generation gern bis 70 arbeiten sehen

Ich würde gern die Ironie ausstellen, doch es ist bittere Realität. Während manche gern ihr Alter aufgrund von Chancengleichheit vertuschen, outet sie die Branche regelmäßig in Rankings wie 50 unter 50-jährigen Kreativen oder 30 unter 30 was auch immer. Warum müssen wir uns in 10er-Schnitten voneinander separieren lassen, um etwas vom Scheinwerferlicht der Prestige-Gesellschaft abzubekommen? Macht die 30 etwas besser als die 50 oder warum ist es überhaupt nennenswert?

Die Fraktion 70 unter 70 hingegen, für die es bisweilen kein Ranking gibt, wen wundert’s, ist im Einklang mit unseren Politikern: Sie möchten die faule Generation, wie meiner einer, gern noch lange arbeiten sehen. Eine Rolle rückwärts in Sachen Arbeitsethos – für einen Jahrgang, der oftmals gerade erst das Wort Work-Life-Balance in ihren Alltag übersetzen konnte.

Das Modell Menschsein ist nicht neu, nur wird es seit Jahren verkompliziert

Wie passen die Werte der Nachkommen – mehr Leben, weniger arbeiten – mit den Vorstellungen der Politik zusammen? Wer soll hier bis ins hohe Alter Geld in die Rentenkasse spülen, wenn kaum jemand noch Sinn in einer 40 Stunden-Plus-Woche sieht? Motiviert man Menschen mit „Jetzt sei doch mal fleißiger“, anstatt finanzielle Anreize oder Fortbildungen mit wahrem Mehrwert zu gewähren? Ich kann diese Fragen nur rein individuell beantworten: Ich möchte nicht bis Ende 60 oder gar 70 arbeiten müssen, um meine Rente, mit der allein es sich nicht existieren lässt, aufzustocken. Geld, das bereits versteuert wurde und auf das nachträglich nochmals Steuer anfällt. Das Modell Menschsein ist nicht neu, nur wird es seit Jahren verkompliziert, sodass das sich drehende Hamsterrad des Seins bis zur eigenen Endlichkeit auf Hochtouren läuft.

Aber wer möchte schwarzmalen, wenn man sich die mausgraue Realität ansehen kann: Eine steigende Arbeitslosenquote mit bester Aussicht auf eine Langzeit-Nichtbeschäftigung, wenn man sich der 50 nähert oder diese überschritten hat. Ab der Lebensmitte findet man eher Menschen auf Lead-Ebene, doch selbst hier wird lieber das Junge und Wilde gesehen als das Erfahrene mit dem Staub vergangener Erfolge auf den Schultern.

Auf Wiedersehen Alltagsschizophrenie

Müssen die, die einst erfolgreich und gut in ihrem Job waren, sich im Alter umorientieren, um weiterhin im Konstrukt Leben zu bestehen und in unsere Gesellschaft zu passen? Oder wird sie sich nochmal von ihrem Höhenflug erholen, nur in etwas Neuem das Bessere zu sehen? Ich wünschte, wir könnten bald sagen: auf Wiedersehen Alltagsschizophrenie. Es führt jedoch aktuell kaum ein Weg daran vorbei, sich im Alter mit einer ordentlichen Ladung Pragmatismus der Jobfrage zu stellen. Denn wer möchte einen 60-Jährigen mindestens noch 10 Jahre beschäftigen, wenn die ausgebildeten Zoomer bereits an der Tür Schlange stehen? Wird aus Michael dem Kreativen irgendwann Michael der Doseneinräumer? Vielleicht konserviert es sich als Freischaffender besser, ich werde es irgendwann erfahren.

Und so bin ich gespannt und werde älter, beobachte das Geschehen. Freue mich über das Arbeiten, was ich so sehr liebe. Was ich brauche, um zu existieren. Auch im Alter. Wenn man mich lässt.