Skip to content
Magazin

Raphaela Abbrederis ist good at Orten Bedeutung geben.

Raphaela Abbrederis ist Raumgestalterin und strategische Impulsgeberin bei AREA – einem Unternehmen an der Schnittstelle von Möbeldesign, Gemeinschaft und Designkultur. Mit Sitz in Wien und weiteren Standorten in Österreich realisiert AREA Einrichtungskonzepte fĂŒr Privatkund:innen, Unternehmen und ArchitekturbĂŒros. Im Interview spricht Raphaela ĂŒber neue Arbeitswelten, rĂ€umliche IdentitĂ€t und die gesellschaftliche Kraft von Interior Design.

Raphaela Abbrederis

Website LinkedIn Instagram
Zum Interview

Liebe Raphaela, freut mich sehr! Steigen wir gleich direkt ein.
Wie bist du aus der klassischen Werbebranche in die Welt des Interior Designs gekommen, und was hat dich bewogen den Schritt zu machen?

Ich war viele Jahre als Kundenberaterin in Werbeagenturen tĂ€tig und habe mich nach dieser Zeit in einem Hamsterrad wiedergefunden. Ich sehnte mich nach Entwicklung und Weiterbildung in einem neuen Feld. Die Möglichkeit der Bildungskarenz habe ich bewusst genutzt und in diesem Rahmen aus persönlichem Interesse eine Ausbildung im Bereich Interior Design absolviert. Obwohl ich ursprĂŒnglich plante, in diesem neuen Feld ins Marketing zu wechseln, kam es anders. Mir wurde schnell klar – ich wollte die Arbeit mit Möbeln und Materialien weiterverfolgen und vertiefen. Als Raumgestalterin bei AREA habe ich dabei sehr schnell wieder eine neue berufliche Leidenschaft entdeckt und Neugier verspĂŒrt, die ich aus frĂŒhen Jahren in der Werbebranche gekannt hatte.
„So wie ich meinen Raum gestalte, gestalte ich auch mein tĂ€gliches Leben.“
Foto © Susanne Einzenberger

Wie hat sich deine Sichtweise auf Arbeit seit diesem Schritt entwickelt?

Ich glaube, dass es guttut, die gewohnte Bubble gelegentlich zu verlassen und Abstand zu gewinnen. Das kann ich nur empfehlen. Der Mut, sich weiterzubilden oder eine neue Richtung einzuschlagen, ist immer eine wertvolle Entscheidung – selbst wenn sie nicht den Erwartungen entspricht, die andere oder wir selbst uns auferlegt haben. Die Kommunikationsbranche steht kontinuierlich unter Strom, Timings und Ressourcen sind knapp, alles muss bestenfalls sofort passieren. Was mich besonders freut: Ich kann meinen Kund:innen und GeschĂ€ftspartner:innen nun mehr persönliche Aufmerksamkeit und Zeit widmen. Ich kann kreativer arbeiten, der Austausch ist grĂ¶ĂŸtenteils persönlicher geworden und findet meist auf einer anderen Ebene statt. Das mag ich sehr und bringt mir persönlich Balance. Die Erfahrung und meine in Werbejahren angeeignete Ausdauer kommen mir zugute, nach einigen Jahren in Agenturen ist man fĂŒr viele Herausforderungen gewappnet.
Foto © Susanne Einzenberger
Foto © Susanne Einzenberger
Foto © Susanne Einzenberger

Wie hat sich unser VerstÀndnis von Arbeit und ArbeitsrÀumen seit der Pandemie verÀndert, was meinst du?

Die Erfahrungen aus der Pandemie haben deutlich gemacht: Das klassische BĂŒro als fester Arbeitsplatz entspricht oft nicht mehr den heutigen Anforderungen. FlexibilitĂ€t ist zum zentralen Aspekt moderner Arbeitskultur geworden. Viele von uns haben wĂ€hrend der Pandemie ihr Zuhause neu entdeckt, Routinen hinterfragt und Lebensweisen ĂŒberdacht. Entscheidungen wie „Liefern lassen oder bewusst ausgehen?“, „Home-Training oder Fitnessstudio“ oder „Homeoffice oder doch ins BĂŒro?“ treffen wir heute mit mehr Bewusstsein. Dabei gewinnen RĂ€ume, fĂŒr die wir uns gezielt entscheiden, an Bedeutung. Sie sollen inspirieren, motivieren und einen echten Mehrwert bieten. BĂŒros wurden zu sozialen Treffpunkten fĂŒr bewusste Begegnungen und Austausch. Besonders in der Kommunikationsbranche, in der Wissen dynamisch entsteht, ist der direkte Dialog ein zentraler Treiber von Innovation. Wir als Gemeinschaft, unsere Gewohnheiten, die Technik – alles verĂ€ndert sich rasend schnell. Die physische Welt tritt mehr und mehr in Konkurrenz mit der digitalen. WĂ€hrend GebĂ€ude fĂŒr Jahrzehnte geplant werden, Ă€ndern sich deren Nutzer:innen und Arbeitsweisen laufend. Nachhaltig-flexibles Interior Design ist der SchlĂŒssel, um in einer dynamischen Arbeitswelt agil zu bleiben. Auf den Zug dieser agilen Arbeitssysteme ist Vitra als einer der ersten Hersteller mit aufgesprungen. Der Schweizer Anbieter USM Haller arbeitet seit jeher mit einem erweiterbaren Regalsystem.

Was bedeutet Interior Design fĂŒr dich?

FĂŒr mich sind Möbel und Interior Design ein Tool, um sich auszudrĂŒcken, Entwicklung zu fördern und Kommunikation stattfinden zu lassen. Unternehmen können mittels Interior Design IdentitĂ€t ausdrĂŒcken, eine Marke stĂ€rken, Zugehörigkeit schaffen, das Wohlbefinden und die LeistungsfĂ€higkeit ihrer Mitarbeiter:innen fördern und ja, sogar WertschĂ€tzung ihnen gegenĂŒber zeigen. Das beginnt bei ergonomischen ArbeitsplĂ€tzen, endet da aber nicht. In Bereichen wie der Gastronomie optimiert die richtige Einrichtung das Gesamtbild eines Betriebes und fördert somit natĂŒrlich auch den wirtschaftlichen Erfolg. Im privaten Kontext bedeutet Interior Design fĂŒr mich auch eine Form von Achtsamkeit, sich selbst gegenĂŒber. So wie ich meinen Raum gestalte, gestalte ich auch mein tĂ€gliches Leben. Es gibt StĂŒcke in meiner Wohnung, ĂŒber die freue ich mich jeden Tag ein kleines bisschen. Design kann die QualitĂ€t von vielem verbessern – das gilt fĂŒr Grafikdesign ebenso wie fĂŒr Interior Design. Dabei gibt es kein allgemein gĂŒltiges Richtig oder Falsch; entscheidend ist, dass das Ergebnis zu den Menschen passt, die sich dort aufhalten.
„RĂ€ume senden starke Signale. Sie zeigen, wie ein Unternehmen denkt – ĂŒber sich selbst und ĂŒber die Menschen, die dort arbeiten.“
BautrĂ€ger Habau II Foto © JĂŒrgen GrĂŒnwald

Gestaltung von BĂŒrorĂ€umen ist ja quasi eine Form von Employer Branding, oder? Was ein CI/CD nach außen ist, kann ich nach innen (auch) auf diese Art zeigen
? Die Unternehmenskultur, die sich in der Einrichtung spiegelt?

Firmenarchitektur wirkt nach innen wie nach außen. RĂ€ume schaffen Zugehörigkeit. Unternehmen sind soziale Orte, sowohl fĂŒr gezielte als auch zufĂ€llige Begegnungen. Die Tendenz geht weg vom klassischen Arbeitsplatz, hin zu Gemeinschaftszonen, Ruhezonen, ProjektrĂ€umen, Working CafĂ©s. RĂ€ume spiegeln wider, wie ein Unternehmen mit seinen Mitarbeiter:innen umgeht: Sitzt die GeschĂ€ftsfĂŒhrung in der obersten Etage – oder wurde dieser Platz und Ausblick bewusst der Gemeinschaft ĂŒberlassen, etwa in Form einer Kantine? Was verrĂ€t ein Tischtennistisch im Aufenthaltsraum ĂŒber die Haltung zur Arbeit, ĂŒber Hierarchien und ĂŒber gelebte Unternehmenskultur? RĂ€ume senden starke Signale. Sie beantworten Fragen wie: „Wo gehöre ich hin?“ und „Wo möchte ich meine Zeit verbringen?“ – idealerweise an Orten, die Wahlfreiheit, Eigenverantwortung und AgilitĂ€t ermöglichen. Nach außen hin ist Raumgestaltung ebenso eine klare Botschaft. Sie spiegelt sehr direkt wider, wie ein Unternehmen denkt – ĂŒber sich selbst und ĂŒber die Menschen, die dort arbeiten. Sie gibt Struktur, Orientierung und ladet die „richtigen“ Menschen ein, sich mit dem Unternehmen zu verbinden. So wird Unternehmenskultur spĂŒrbar und erlebbar.
Agentur Dots and Lines und All About Apps || Foto © JĂŒrgen GrĂŒnwald

Welche eurer Projekte zeigen besonders gut, wie Gestaltung IdentitÀt prÀgen kann?

Einige unserer spannendsten Office-Projekte der letzten Jahre zeigen genau das – etwa fĂŒr Agenturen wie Dots and Lines, Tochter oder Fora, aber auch fĂŒr Unternehmen wie Marmind, Habau oder die Raiffeisen Bank. Jedes dieser Unternehmen bringt eine ganz eigene DNA mit – und genau das spiegelt sich in der Gestaltung der RĂ€ume wider. So unterschiedlich, wie dort gearbeitet wird, sind auch die Arbeitsumgebungen, die wir geschaffen haben. Betrachtet man die RĂ€ume heute, erkennt man auf den ersten Blick zu welchem Unternehmen sie gehören – weil sie Haltung, Arbeitsweise und Kultur unmittelbar transportieren. Die Anforderungen waren dabei sehr vielfĂ€ltig: von agilen FlĂ€chen fĂŒr kreative Brainstormings ĂŒber Möbel, die die Arbeitsweise eines Teams unterstĂŒtzen, bis hin zu flexiblen ArbeitsplĂ€tzen. Auch Themen wie Nachhaltigkeit – etwa bei der Materialwahl – gewinnen immer mehr an Bedeutung. Gemeinsam mit der Raffaisenbank galt es BeratungsrĂ€ume zu gestalten, die fĂŒr Mitarbeiter:innen und Kund:innen gleichermaßen einladend sind – angefangen von Landwirt:innen ĂŒber Jugendliche bis hin zu Unternehmer:innen.
Agentur Fora || Foto © Wiener Wohnsinn

Warum sind gut designte und qualitativ hochwertige Produkte fĂŒr dich nachhaltiger als andere?

Hochwertige Materialien und QualitĂ€t bedeuten BestĂ€ndigkeit – und das gilt auch fĂŒr gutes Design. Wir sind ĂŒberzeugt von Möbeln, die uns bestenfalls ein Leben lang begleiten – zeitlose StĂŒcke, die nicht nur schön altern, sondern mit den Jahren an Charakter gewinnen. Viele unserer Produkte behalten oder steigern ĂŒber Jahrzehnte ihren Wert – sie lassen sich auch gebraucht noch gut weiterverkaufen. Obwohl sie teilweise vor Jahrzehnten entworfen wurden, wirken sie heute noch immer modern. Auch das ist gelebte Nachhaltigkeit: nutzen statt entsorgen, weitergeben statt ersetzen. Was mich fasziniert, sind EntwĂŒrfe aus den 1930er- oder 1950er-Jahren, die noch heute jeden Raum aufwerten – ohne altmodisch zu wirken. Ich habe kĂŒrzlich ein Foto von einem Alvar-Aalto-Sessel gesehen, den wir heute noch im Sortiment haben. Auf dem Bild: der Sessel im Schaufenster, draußen auf der Straße fahren Kutschen statt Autos. Und trotzdem wirkt das MöbelstĂŒck heute kein bisschen aus der Zeit gefallen. Das ist fĂŒr mich ein Aspekt von Nachhaltigkeit: der bleibende Wert.

Wie lebt ihr Nachhaltigkeit?

So ehrlich muss ich sein: Wir arbeiten mit dem Verkauf von Produkten, diese schließen sich mit nachhaltigem Denken jedoch nicht aus. Wir arbeiten fast ausschließlich mit Herstellern, die in Europa produzieren, nachhaltig zertifiziertes Material nutzen und eine zirkulĂ€re Ökonomie verfolgen. Es tut sich viel in der Möbelbranche: Stoffe, die aus Wollresten gewonnen werden, Teppiche aus Garn, gesponnen aus alten Fischernetzen. Auf der MailĂ€nder Möbelmesse prĂ€sentierte Arper einen Stuhl, der aus 27 Lagen Papier besteht. Neue Möbel von Vitra oder Leuchten von Midgard sind komplett zerlegbar, nichts ist verklebt und einzelne Komponenten lassen sich bei Bedarf einfach austauschen. Dadurch verlĂ€ngern sich Produktlebenszyklen erheblich und Reparatur wird wieder zur selbstverstĂ€ndlichen Option.
„Design ist fĂŒr mich eine Form von Achtsamkeit. Es schafft Identifikation, Verbindung – und manchmal sogar Gemeinschaft.“

Was braucht ein guter Raum, damit sich Menschen gerne aufhalten – privat wie beruflich?

Gut gestaltete RĂ€ume wirken immer auf uns, bewusst oder unbewusst. Ästhetik, Schönheit und gute Gestaltung beeinflussen unser Wohlbefinden, unsere Stimmung und oft auch unser Verhalten. Im Unterschied zu vielen KonsumgĂŒtern, bei denen Werbung eine zentrale Rolle spielt, wĂ€hlen wir Möbel meist nicht aufgrund einer vermittelten Markenbotschaft. Werbung schreibt Produkten oft Bedeutungen zu, mit denen wir uns identifizieren – oder nicht – und beeinflusst so unsere Kaufentscheidungen. Bei Möbeln lĂ€uft dieser Prozess hĂ€ufig intuitiv und persönlicher ab: Hier sind wir es selbst, die den Dingen Bedeutung geben. Die Entscheidung ist stĂ€rker mit eigenen Werten, Erinnerungen oder Lebensvorstellungen verknĂŒpft. Ein einfaches Beispiel ist ein Mitbringsel aus dem Urlaub: Wenn wir es selbst ausgewĂ€hlt haben, verknĂŒpfen wir es mit einer Erinnerung, einem GefĂŒhl – und es bekommt einen festen Platz in unserem Zuhause. WĂŒrde uns derselbe Gegenstand von jemand anderem geschenkt, hĂ€tte er vermutlich nicht dieselbe Wirkung – und wĂŒrde vielleicht schnell im Schrank verschwinden. Gute rĂ€umliche Einrichtung lĂ€sst also genau das zu: persönliche Identifikation, emotionale Verbindung und einen Rahmen, in dem man sich verstanden und wohlfĂŒhlt. Ein gut gestaltetes Office braucht neben Orten fĂŒr Austausch auch RĂŒckzugsorte fĂŒr konzentriertes Arbeiten. Gerade in wissensintensiven Berufen, in denen statistisch gesehen Leute im Schnitt alle vier Minuten unterbrochen werden, sind gut gestaltete Arbeitszonen wichtig – fĂŒr produktives, kreatives und gesundes Arbeiten.
Raiffeisenbank II Foto © Wiener Wohnsinn
Raiffeisenbank II Foto © Wiener Wohnsinn

Welche gesellschaftliche Rolle kann Architektur und Interior Design in Zukunft spielen?

Aus meiner Sicht ĂŒbernehmen Architektur und Interior Design zunehmend eine gesellschaftliche Aufgabe – sie werden zum Bindeglied von Gemeinschaften. In einer immer digitaleren Welt wĂ€chst gleichzeitig das BedĂŒrfnis nach realen Orten und sozialen Begegnungen. Interior Design reflektiert dabei stets den kulturellen und sozialen Kontext einer Gemeinschaft. Vielleicht kennst du die Theorie der „Third Places“ – neben dem Arbeitsplatz und dem Zuhause braucht es einen dritten Ort, der Ausgleich schafft – zum Beispiel: das CafĂ© oder die Bar ums Eck, das Yoga- oder Fitnessstudio. Orte, an denen Begegnung und Austausch möglich sind. In den USA etwa stehen viele BĂŒros leer, was Entwickler zum Umdenken zwingt. Neue Konzepte auch in Kopenhagen zum Beispiel setzen auf öffentliche und fĂŒr die Allgemeinheit zugĂ€ngliche RĂ€ume in BĂŒrogebĂ€uden: Dachterrassen, Lounges, Fitnesscenter, CafĂ©s oder KunstflĂ€chen – teils machen sie schon 10 % der GesamtflĂ€che aus. Auch wir spĂŒren den Bedarf nach vielseitig nutzbaren RĂ€umen. Unser Back-Office am Schottenring – das „Club Office“ – folgt genau diesem Ansatz. Wir prĂ€sentieren nicht nur unsere Möbel und haben unsere Touchdown-ArbeitsplĂ€tze hier, wir vermieten das Club Office auch als WorkshopflĂ€che, unser Podcast, „AREA erzĂ€hlt“ wird hier gelegentlich aufgenommen. Zudem finden regelmĂ€ĂŸig TV-Drehs, Pop-Ups und Yoga-Sessions statt. Das verstehe ich unter einem flexiblen, zukunftsfĂ€higen Raumkonzept im Sinne der Gemeinschaft.

Danke fĂŒr das spannende GesprĂ€ch, Raphaela!

Mehr zur Arbeit von Raphaela findet ihr hier.Â