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Barbara Weingartshofer ist good at Gleichberechtigung.

Barbara Weingartshofer ist Gestalterin, Aktivistin und Autorin der BroschĂŒre „Frauen zĂ€hlen“, die erstmals umfassend Zahlen zur Gendergerechtigkeit in der Designbranche gesammelt hat. Dabei wird schnell klar: Auch in einer vermeintlich offenen und progressiven Szene klaffen RealitĂ€t und Anspruch weit auseinander.

Wir haben mit Barbara ĂŒber ungleiche GehĂ€lter, die Angst vorm Nein und das Potenzial von Netzwerken gesprochen. Und darĂŒber, warum faire Gestaltung bei der Kalkulation anfĂ€ngt.

Barbara Weingartshofer

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Zum Interview

Barbara, du hast mit „Frauen zĂ€hlen“ Zahlen sichtbar gemacht, die man oft nur als BauchgefĂŒhl kennt. Was hat dich persönlich am meisten ĂŒberrascht – oder erschĂŒttert – beim Blick in die Daten?

Wie groß die Unterschiede bei den Einkommen von selbststĂ€ndigen Frauen und MĂ€nnern sind! Wie viele Studierende im Kommunikationsdesign Frauen sind, wir also direkt dabei zuschauen können, wie Grafikdesign zum Frauenberuf wird. Historisch gesehen bedeutet das leider, dass die Einkommen dabei sinken.

Positiv ĂŒberrascht hat mich, dass mehrere Frauen erzĂ€hlt haben, wie die richtige Positionierung »den Knoten löst«. Mit zielgerichtetem Coaching lĂ€sst sich viel erreichen. 

„Uns fehlt eine Kultur des »worin bin ich gut«. Unser ganzes Schulsystem sucht ja nur Fehler, nicht StĂ€rken.“
FrauenbroschĂŒre, Cover-Illustration: Janinsky, Grafik: Valerie Eccli
FrauenbroschĂŒre, Cover-Illustration: Janinsky, Grafik: Valerie Eccli

Viele Designerinnen starten mit niedrigen StundensÀtzen und holen das spÀter kaum mehr auf. Warum tun wir uns so schwer, unseren Wert klar zu benennen?

Weil wir unseren Wert oft selbst gar nicht kennen. Uns fehlt eine Kultur des »worin bin ich gut«. Unser ganzes Schulsystem sucht ja nur Fehler, nicht StĂ€rken. Wir haben verinnerlicht, dass Bescheidenheit eine Zier und Prahlerei ĂŒbel ist. Den goldenen Mittelweg mĂŒssen wir uns hart erarbeiten: Erkennen, worin wir gut sind und welche unserer Charaktereigenschaften unser Können bestmöglich verstĂ€rken. Wenn das geschafft ist, fĂ€llt es viel leichter, die eigenen QualitĂ€ten glaubwĂŒrdig zu vermitteln.
Vielen EPUs fehlt der Austausch mit Kolleg*innen, sie verlieren den Blick auf den Markt und können sich und ihre FÀhigkeiten gar nicht richtig verorten.

In deiner Analyse wird deutlich: Der Gender-Pay-Gap stagniert gerade dort, wo man es nicht erwarten wĂŒrde – in einer vermeintlich progressiven Branche. Was lĂ€uft hier systemisch falsch?

Gute Frage!
DafĂŒr gibt es – soweit ich weiß – noch keine eindeutige Antwort.
Die CCA-Fair-Work-Studie hat ein paar wunde Punkte benannt.
Wir sehen an neueren Zahlen, dass viele Kreative die SelbststÀndigkeit nutzen, um sich selbst Teilzeit zu ermöglichen, Erwerbs- und Care-Arbeit lassen sich so besser vereinen.
Viele Agenturen beschĂ€ftigen gar keine Angestellten mehr, was auch zu vielen unfreiwillig SelbststĂ€ndigen fĂŒhrt.
Die in der Studie aufgezeigten 17 % Gender Pay Gap unter Angestellten sind immer noch luxuriös im Vergleich zu den Einkommen der SelbststÀndigen.

Im Designbereich gibt es doppelt so viele MĂ€nner wie Frauen, die andere beschĂ€ftigen – das heißt, es sind ĂŒberwiegend MĂ€nner, die den Gender-Pay-Gap Ă€ndern könnten. Bei Veranstaltungen zum Thema sieht man aber kaum MĂ€nner, die sich fĂŒr das Thema interessieren.
Möglicherweise war die Branche vor allem kreativ im Umgehen ordentlicher BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnisse, jetzt braucht es aber neue Arbeits(zeit)-Modelle fĂŒr kreative, neue LebensentwĂŒrfe.

Was mĂŒsste passieren, damit mehr Frauen in FĂŒhrungspositionen kommen – auch jenseits des Appells an individuelle „Karrierebereitschaft“?

Quoten wĂŒrden sicher helfen, auch neue Arbeitsmodelle wie z. B. geteilte FĂŒhrungspositionen.
Vor allem brauchen wir bei EntscheidungstrĂ€gern – absichtlich nicht gegendert – ein Bewusstsein fĂŒr den eigenen Bias, damit sie tatsĂ€chlich unvoreingenommen Posten besetzen können. Es gibt noch immer viel zu viele Vorurteile gegen arbeitende MĂŒtter.

„Jede*r von uns kann diese Gesellschaft gestalten, wenn wir uns wertende Worte wie „KarrieremĂŒtter“ und „Tradwifes“ verkneifen und offen ĂŒber finanzielle Vorsorge sprechen.“

Ein Satz aus der BroschĂŒre bleibt hĂ€ngen: „Altersarmut ist weiblich.“ Wie schaffen wir es, diese wirtschaftliche RealitĂ€t zur kollektiven Verantwortung zu machen – nicht nur zur privaten Sorge?

Schwierig! Die Ursache sind ja höchst individuelle Entscheidungen, in die wir uns nicht reinreden lassen wollen: die Berufswahl, ob ich Kinder bekomme oder nicht, Teilzeit zu arbeiten. Gleichzeitig sind diese Entscheidungen sehr stark von Rollenklischees und gesellschaftlichen Erwartungen beeinflusst. Jede*r von uns kann diese Gesellschaft gestalten, wenn wir uns wertende Worte wie „KarrieremĂŒtter“ und „Tradwifes“ verkneifen und offen ĂŒber finanzielle Vorsorge sprechen. Erst wenn wir alle Rollenklischees auflösen, sind diese Entscheidungen wirklich frei.
Bis dahin fĂ€nde ich ein verpflichtendes Pensionssplitting gut. Damit allen Eltern klar wird: Wenn ein Paar gemeinsam entscheidet, eine*r bleibt zuhause oder arbeitet Teilzeit – die Verantwortung gegenĂŒber der Partnerin (oder dem Partner) hört nicht auf, wenn das jĂŒngste Kind in den Kindergarten kommt oder die Partnerschaft endet. Der Karriereknick wirkt auch 20, 30 Jahre spĂ€ter nach.

Verteilung von Forschungsgeldern an Frauen und MĂ€nner. Foto: Valerie Eccli

„Jede Entscheidung hat eine Auswirkung: welches Papier ich nehme, wo ich drucke, aber auch wie ich mit anderen zusammenarbeite.“

Du sprichst von „Skalierbarkeit“ als SchlĂŒssel zur finanziellen UnabhĂ€ngigkeit. Wo siehst du kreative Hebel – gerade fĂŒr Frauen – ihr Einkommen vom Zeitaufwand zu entkoppeln?

Skalierung ist zugegebenermaßen die Königsdisziplin: Einkommensquellen zu schaffen, die auch fließen, wenn es Auftragsflauten gibt oder einen die Elternschaft in unfreiwillige Pausen schickt, wie Kindergartenviren oder Schulferien. Ob durch »passives« Einkommen aus Lizenzen, das Finden neuer Produkte oder dadurch, Mitarbeiter*innen zu beschĂ€ftigen – ein System aufzubauen, das ohne permanente eigene Anwesenheit funktioniert, ist meist auch mit viel Arbeit zu Beginn verbunden oder langwierig und somit schwieriger zu etablieren, als z. B. den Stundensatz zu erhöhen.

Viele der in der BroschĂŒre angesprochenen Themen (Jurys, Netzwerke, Sichtbarkeit) hĂ€ngen eng mit dem Mut zusammen, rauszugehen. Wie können wir Frauen ermutigen, ihre Expertise offensiv zu zeigen – ohne sich dafĂŒr zu verbiegen?

Indem wir uns gegenseitig loben, uns untereinander austauschen.
Gerade in der Kreativbranche gibt es so viele EPUs – wenn man immer nur alleine arbeitet, bekommt man Feedback ausschließlich von Kund*innen.
Wenn wir uns aber Netzwerke finden, in denen wir mit WertschĂ€tzung ehrliches Feedback von Kolleg*innen erfahren und ĂŒber Herausforderungen offen sprechen können – dann gewinnen wir die Sicherheit, unser Können auch nach Außen stĂ€rker zu vertreten.

Designpreise, Panels, Lehrstellen – ĂŒberall das gleiche Muster: MĂ€nner nominieren MĂ€nner. Wie durchbrechen wir diese selbstverstĂ€rkenden Strukturen wirklich?

Einerseits mit viel HartnÀckigkeit und Durchhaltevermögen, andererseits mit Quoten und Statistiken: Nur wenn ich die Ungleichheit mit Zahlen belegen kann, kann ich auch Ziele formulieren und den Fortschritt beurteilen.
Wenn dann mehr Frauen sichtbar werden, ermuntert das weitere Frauen, sich auch zu beteiligen.

In deiner Arbeit schwingt immer auch eine Haltung mit: Gestaltung ist politisch. Wie können wir als Gestalter*innen gesellschaftliche Verantwortung neu denken – jenseits von Diversity-Checkboxen?

Vielleicht, indem wir alles hinterfragen: Muss das so sein? Wie könnte es anders sein?
Geht das auch umweltfreundlicher, wohlwollender, friedlicher, nĂŒtzlicher?
Jede Entscheidung hat eine Auswirkung: welches Papier ich nehme, wo ich drucke, aber auch wie ich mit anderen zusammenarbeite.
In jedem Aspekt unserer privaten Entscheidungen genauso wie in Projekten mit unseren Kund*innen kann der innere Kompass zur Gestaltungsgrundlage werden.
Ganz kitschig, aber wahr: indem wir uns die Welt so gestalten, wie sie uns gefÀllt.

Wenn du einen Wunsch frei hĂ€ttest fĂŒr die nĂ€chste Generation von Designer*innen – was wĂ€re das eine, was sich Ă€ndern soll?

Dass das Geschlecht endlich egal ist und alle einfach das tun, was sie am besten können und dafĂŒr fair bezahlt werden.

Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch!

Mehr ĂŒber Barbara und ihre Arbeiten findest du auf ihrer Website. 

Auf der Website von designaustria könnt ihr die BroschĂŒre kostenfrei downloaden. 
Die 2. Auflage erscheint demnÀchst.